GROUP SHOW

WITHIN ALL POSSIBLE IDENTITIES

30.06 - 28.07.2012


TEXT (DE)    TEXT (EN)

WITHIN ALL POSSIBLE IDENTITIES

with: Mads Dinesen, Mali Lazell, Frauke Schmidt,
Andrea Splisgar and Björn Streeck

„Unter dieser Maske die Nächste. Nie werde ich all diese Gesichter ablegen können.“

„Under this mask, another mask. I will never be finished removing all these faces“
(Claude Cahun)

Das Zitat mutet an wie das Wesen der ewigen Odyssee nach dem Selbst, eine endlose Reise ins Unbekannte. Das ‚Selbst’ als Versuchslabor der Existenz hat seine Eigen-Arten, Methoden und Kostüme um uns auf der Reise zum eingebildeten Finale zu unterstützen.
Stetiges hinterfragen und anzweifeln der eigenen Identität inmitten aller denkbar möglichen Identitäten wäre unvorstellbar ohne die permanente Formel der Selbsterfindung; so als garantiere die Handlung, die Kunst, das dringende Bedürfnis der Verwandlung der ultimative Schlüssel zu sein, um in alle möglichen Räume der Wahrnehmung zu gelangen.Auf dieser Durchreise ist keine Form akzeptabel – no form is good!
Im Gegenteil, jede Passage sollte so anziehend wirken wie eine jeweils einzigartige akrobatische Leere der unendlichen Möglichkeiten, wie der Leitfaden ins nächste Abenteuer des Seins.
Hölderlin schreibt: In einem Zustand des Seins und nicht Seins, wird alles Mögliche überall wahr, das Wahre wird zum Ideal und somit, in der Kunst freier Maßgaben, ein Traum, zu gleichen Teilen furchteinflößend und göttlich (auch wenn wir nunmehr Abstand nehmend von Hölderlin’s ‚Göttlichem’ diesem das ‚Unwiderstehliche’ entgegensetzen).
Die ideale Überlebens-Ausstattung wäre demnach allein die Fähigkeit aus allen möglichen Identitäten zu entstehen, statt von diesen ausgelöscht zu werden. Jede dieser Verwandlungen entspricht exakt einem inneren oder äußeren Ausnahmezustand. Es sind Gesten dessen, was unausgesprochen blieb, dem Wunsch folgend, diesem Unausgesprochenen gebührlich Lebewohl zu sagen und mit dem zu ersetzen, was als nächstes möglich werden soll, möglich werden kann, möglich werden wird – vorstellbar als reine Erfindung, Erfahrung oder Alchemie.
Unsere Existenz scheint vom Gesetz der unaufhörlichen Veränderung regiert zu werden. Dieser Zustand provoziert einen konstanten Wirklichkeits-Check, einfach aus der simplen Tatsache heraus, sich selbst anzuzweifeln. Warum nicht dem entsprechend auch ALLES andere in Frage stellen, einem ursprünglichen Antrieb folgend. Und genau hier betreten wir eine solche akrobatische Leere, die es uns erlaubt, absolute Freiheit des Selbst durch endlose Wechsel zu erlangen.
Die Galeristin Amel Bourouina schlug Designer Mads Dinesen vor, eine Konstellation von Künstlern zu wählen, deren Werke um das Thema der wechselnden Identitäten kreisen. Die Ausstellung verbindet persönliche Arbeiten der Künstler mit einer Auswahl von Werken welche in wechselnder Zusammenarbeit entstanden sind.
Dinesen erschuf mit der Fotografin Mali Lazell eine Serie von Porträts um über die Arten und Weisen zu reflektieren auf welche wir andere wahrnehmen und/oder wir selbst wahrgenommen werden wollen – verstörende Bilder die ein Gefühl von Verzerrung inmitten ihrer Schönheit schaffen.
Er begleitete die interdisziplinarische Künstlerin und Performerin Andrea Splisgar bei einigen ihrer letzten Filme und Inszenierungen über körperliche und seelische Zustände der extremen Wandelbarkeit, ihren intensiven Auseinandersetzungen zwischen Rollen und Ritualen den außerordentlichen Aspekt in Form und Status zelebrierend zu hinterfragen.
Unter anderem schlossen sich Dinesen, Lazell und Splisgar zusammen um ihr Interesse an der maskierten Identität zu bekunden. Sie entwickelten „Phenomena“, die Geschichte jenes Poeten, der zum Sterben verführt wird um zeitgleich wiedergeboren zu werden.
Frauke Schmidt komponierte die Soundtracks zu Dinesen’s Aufführungen und Installationen und der bildende Künstler Björn Streeck , dessen graphische Körperzeichen uns an die Informationslücken erinnern die ebensolche Körper hinterließen, während wir versuchen ihre Ursprünge aus deren Abwesenheit zu rekonstruieren, waren ihrerseits ein inspirierendes Manifesto für Dinesen’s eigene Recherchen.
Mads Dinesen selbst deklariert seine Faszination an der unendlichen Form der Identitäten als hauptsächlichen Kern seines Wesens und seiner Arbeiten an sich und nicht ausschließlich dem seiner Kollektionen.
Die Ausstellung will die radikale physische Präsenz/Abwesenheit dieser 5 unterschiedlichen Künstler paaren indem sie sowohl ihre Werke komplementiert, als auch ihre optischen Erscheinungen eindeutig voneinander absetzt. Gleichwohl könnten all diese transformierenden Bilder und Töne mit der Erkenntnis konfrontiert werden dass jedes einzelne dieser verschiedenen Zeitfenster auf der einen selben ewigen Frage basiert:
Wenn also Liebe, Tod und (schwarzer) Humor zu den übergeordneten Geheimnissen des Lebens zählen… dürfen wir uns also hiermit erlauben ‚Identität’ zur Gruppe der fremden, inspirierenden ‚Personae’ hinzuzufügen.

Text: Andrea Splisgar

WITHIN ALL POSSIBLE IDENTITIES

with: Mads Dinesen, Mali Lazell, Frauke Schmidt,
Andrea Splisgar and Björn Streeck

Under this mask, another mask. I will never be finished removing all these faces.

(Claude Cahun)

This quote might sound like the essence of the eternal odyssey of the self, a trip into the unknown. The self, the battlefield of existence, has its modes, methods and attires to support one’s journey towards the ultimate finale.
The constant questioning of one’s identity within all possible identities might only be possible by means of self–invention: as if the act, the art, the need for transformation is that one key to each door of perception.
On this journey, no form is acceptable; it might appeal as a sublime acrobatic void, but also as a guideline into the next daring adventure of being.
As Hölderlin declares: “In a state of being and non-being, the possible becomes everywhere real, the real becomes ideal, and this, in art’s free imitations, is a dream, at once terrifying and divine.”
The ideal survival kit might consist of the ability to evolve within all possible identities, to not be erased by them. Each of those transformations corresponds to an outer or inner state of emergency. They are gestures of the unspoken that consider the longing need to bid farewell and be replaced by whatever comes next.
Perpetual change seems to govern the rules of existence. It provokes a so-called reality-check, simply because if one questions the self, why not question everything else, as if out of a primal urge. And at this point we enter such an acrobatic void, which gives us the absolute freedom of the self through endless transition.
Amel Bourouina proposed designer Mads Dinesen to invite a constellation of artists whose work centres around the theme of identity shift. The exhibition combines personal work of every artist as well as a selection of work from their past collaborations.
Dinesen collaborated with photographer Mali Lazell on a series of portraits that reflect on the way we perceive others and how we want to be perceived, disturbing images, which create a feeling of distortion within their beauty. He assisted interdisciplinary artist-performer Andrea Splisgar during some of her recent stagings and videos about the physical and psychological states of emergency, her intense battle between role and ritual and the celebrational aspect of questioning any form and status.
The three of them united their interest behind the masked identity to create “Phenomena”, the story of a poet who needs to die in order to be reborn. Frauke Schmidt who created the most of Dinesen’s soundtracks to his shows and installations and painter-sculptor Björn Streeck, whose graphical body signatures seem to remind us of the lack of information that our body leaves while we construct its absence in search of origins, have been an inspirational Manifesto to Dinesen’s own research. Dinesen himself declares the fascination with infinite identities as the core essence of being, not solely of his collections.
The exhibition will pair the radical physical presence/absence of these five artists by complementing as well as contrasting their visual appearance. Nevertheless one may confront all transformational images with a perception that each and every one of these times frames are based on that one eternal question:
If Love, Death and (black) Humour are the greater mysteries of life… may we suggest to add Identity to the group of the unknown inspirational personae”

Text: Andrea Splisgar