BENJAMIN KATZ / MICHEL WÜRTHLE

LES DEUX MAGOTS

30.04. - 30.07.2010


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DIE WEGBEGLEITER

Seit den 60er Jahren spaziert Benjamin Katz mit schlaksiger Figur und langen Schritten durch die Kunstwelt. Eine Leica, oder auch zwei, immer mit dabei. Mal komplizenhaft, mal amüsiert, beobachtet er alles was dieser Mikrokosmos hervorbringt: Künstler, Händler, Mäzen und andere Laien und lichtet sie „auf seine Weise“ ab. Die Photographien von Benjamin Katz sind Momentaufnahmen, entstanden spontan und ohne Blitzlicht. Schnappschüsse des Lebens, seiner Motive und Themen, aber auch Momentaufnahmen von Katz selbst: In den meist eigenhändig entwickelten Photos entfaltet sich der typische Katz touch: Eine rare Mischung aus Eleganz, Melancholie, Romantik und Humor.
Seine Portraits von Beuys, Polke, Baselitz, Richter und anderen Kunstgrößen sind außergewöhnlich und zu Recht in den größten Kunstinstitutionen der Welt ausgestellt. Nur wenig sind hingegen seine zahlreichen anderen Ablichtungen bekannt: Jene Bilder, bei denen er den Fokus von seinen Künstlerfreunden abwendet, um das zu offenbaren, was sie umgibt (Ateliers, Restaurants, Parks) und den Kontext bildet (Spaziergänge, Aufbauarbeiten, Empfänge). Katz selbst wählt den Rahmen für seine Kunst. Diese Landschaften, Einblicke und Stillleben sind mit exakt der gleichen Technik aufgenommen, wie seine Portraits: Schwarzweiss, ohne Blitz und ohne aufwendige Vorbereitungen. Eine Art von Photographie, bei der man geneigt ist, sie ebenfalls Portraitkunst zu nennen: Portraits von Bäumen, Portraits von Tassen und Flaschen, Steak-Portraits! Und Portraits von verlassenen Atelierräumen, zum Aufnahmezeitpunkt zwar ohne ihre Besitzer, aber trotzdem „bewohnt“.
Zum ersten Mal zeigt Benjamin Katz nun diese „anderen“ Photographien. Mit ihnen erzählt er von Dingen, die weit über das Abgebildete hinaus gehen. Photo für Photo, zeigt er uns seine Kunstgeschichte auf.
Eleganz, Romantik und Humor beschreiben auch Michel Würthle – wenngleich bei dem gebürtigen Wiener die Eleganz flammender ist, die Romantik düsterer und der Humor bissiger. Getrieben von einem dandyhaften Antikonformismus hat er Wien und die Kunstakademie Richtung Neapel und Rom verlassen, um eine Saison im postkolonialen Afrika zu verbringen und im Anschluss in das Paris der Achtundsechziger zu ziehen. Sein „Exil“ führte er ab dem Jahr 1972 in Berlin-Kreuzberg zusammen mit Ingrid und Oswald Wiener fort. 1979 übernahm er mit Partner die Paris Bar und wurde in diesen Jahrzehnten zu einer Art Legende des Berliner Nachtlebens.
Oft erwähnt sind Michel Würthles tiefe und unvergängliche Freundschaften zu zahlreichen Künstlern, deren Kunst er oftmals als Allererster sammelte. Weniger bekannt hingegen, dürften gewisse feucht-fröhliche Unterhaltungen sein, welche die Geburtsstunden von vierhändig gefertigten Bildern, Collagen und Texten waren (mit Haralampi Oroschakoff, Damien Hirst, Cosima von Bonin, Martin Kippenberger, Daniel Richter, Walter Pichler, Herbert Volkmann und anderen). Und auch, dass diese Lebenslust und nächtlichen Irrfahrten es waren, die ihn zu seinen mitunter pornographischen und stets unerhört schwarzhumorigen Zeichnungen und Lithographien inspirierten.
Seine Chroniken, die denen von Otto Dix oder George Grosz nahe kommen, haben aber auch eine mediterrane Seite: Die auf Syros entstandenen Zeichnungen. Dort, bei seiner geliebten Frau Caterina, in seinem Ruhehafen, erschließt sich eine Fülle farbiger Landschaftsskizzen, die seine Idee für ein utopisches Tal veranschaulichen – mit Häusern, Hallen, Ateliers und Bassins, Souk und Café Rimbaud & Rambo… Eine Art Phalanstère für Künstler.
Die Bourouina Gallery ist stolz, zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten zu präsentieren, die seit Jahrzehnten die Protagonisten der zeitgenössischen Kunst begleiten, ohne dabei je in ihren Schatten zu stehen. Benjamin Katz und Michel Würthle treten in einen künstlerischen Dialog und wir profitieren von ihrer unfassbaren Jugendlichkeit und ihrem eigentümlichen Blick auf die Welt.

THE COMPANIONS

Benjamin Katz has been striding the art world since the 1960’s. Always carrying a Leica, if not two, in his breast pocket. Confederated and sometimes amused, he is observing everything this microcosmos has to offer. Capturing creators, dealers, patrons and other non-professional “his very own way”. Benjamin Katz takes his pictures spontaneously and without any flashlight. They are snapshots capturing life, its motives and themes, but also capturing Katz himself. Mostly hand developed, the photographs reveal a rare mixture of elegance, melancholy, romance and humour. The unique Katz touch.
His portraits of Beuys, Polke, Baselitz, Richter and other great artists are extraordinary and rightly exhibited in the world’s biggest art institutions. However, his numerous other photographs are hardly known: photographs for which Katz puts the focus off his artist friends, revealing the surrounding (studios, restaurants, parks) and disclosing the context (walks, suspension, receptions) in an extended view. Katz himself is setting the frame for his art. These landscapes, insights and still lives are taken with the exact same technic, which he uses for his portraits: black and white, without flashlight and without lavish preparation. A kind of photograph that one would tend to call a portrait: portraits of trees, portraits of cups and bottles, portraits of steaks (!) as well as portraits of abandoned studios, sometimes without their owners, but still «inhabited».
For the first time, Benjamin Katz presents these “other” photographs. Through these pictures, he tells us much more, than what is portrayed. Photograph by photograph he shows us his own history of art.
Elegance, romance and humour also describe best Michel Würthle. Although the elegance of the Vienna-born is more flaming, the idea of romance darker and the humour more cutting. Driven by his dandified anti-conformism he left Vienna and the Art Academy for Naples and Rome, to spend a season in Africa and then move to the Paris of ´68. In 1972, he started his “Exile” in Berlin together with Ingrid and Oswald Wiener. Together with a business partner he took over the famous Paris Bar in 1979. Over the decades he became a legend of Berlin Nightlife.
Michel Würthle’s deep friendships to numerous artists are widely known. Often he was the first to collect their art. Less known are certain boozy conversations which laid the foundation of some four-handed paintings, collages and texts (in collaboration with Haralampi Oroschakoff, Damien Hirst, Cosima von Bonin, Martin Kippenberger, Daniel Richter, Walter Pichler, Herbert Volkmann and others). As well as the fact, that his lust for life and nocturnal odysseys inspired him to own drawings and lithographies, that are sometimes pornographic and always black humoured. But his chronicles, that approach the ones of Otto Dix and George Grosz, also have a sunny side: The drawings made on Syros, his asylum. There, united with his beloved wife Caterina, an amazing richness of colourful landscape sketches illustrates his plan of an utopian valley, with houses, halls, studios and basins, souk and cafe Rimbaud & Rambo… A kind of Phalanstère for artists.
The Bourouina Gallery is proud to present these two exceptional personalities. Two, that accompany the stars of contemporary art since decades without ever being overshadowed by them. Benjamin Katz and Michel Würthle enter into an artistic dialog and we benefit from their peculiar view on the world – and their remarkable juvenility.